Ein Interview mit dem Autor Andreas Gruber von Michael Borlik.

© by Andreas Gruber
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Jakob Rubinstein
Andreas Gruber
Hardcover
176 Seiten - Basilisk Verlag
ISBN: 3-935706-07-3
Preis: Euro 13,50
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Michael Borlik: Lieber Andreas, würdest du uns zunächst bitte etwas über deine Person erzählen.
Andreas Gruber: Mein Steckbrief sieht ungefähr so aus: Ich bin 35 Jahre alt, habe einen elfjährigen Sohn und bin zum zweiten Mal verheiratet. Dieser kleine, kaum auffindbare Ort, über den man in meiner Biografie stolpert, ist Grillenberg, ein winziges aber entzückendes Nest südlich von Wien. Vom Balkon meines Arbeitszimmers blicke ich genau auf einen Bach, der durch das Grundstück fließt. Wenn ich nicht gerade schreibe oder den Rasen mähe, arbeite ich halbtags im Büro einer Produktionsfirma, campiere mit meinem Sohn am See, gehe mit meiner Frau ins Theater oder ins Kabarett oder versuche mich im Karaokesingen ... hört sich schrecklich an, klingt auch so! Von Zeit zu Zeit brauche ich diesen Adrenalin-Kick. Meine Frau versteckt sich dann meist hinter der Bar und streitet ab, mich zu kennen.
Michael Borlik: Was bedeutet dir deine Arbeit als Autor und wie bist du zum Schreiben gekommen?
Andreas Gruber: Zum Schreiben bin ich gekommen, als ich mich mit neun Jahren in den Sommerferien im Keller der Schräbergartenhütte meiner Eltern hockte, einen Bleistift und ein Blatt Papier zur Hand nahm und damit begann, einen grandiosen 500 Seiten Roman zu verfassen. Nach der ersten Seite habe ich allerdings damit aufgehört und mein Werk in den Mülleimer geworfen, weil es damals ja noch keine Altpapiercontainer gab. Seitdem hat mich die Faszination, Geschichten zu erzählen, nicht mehr losgelassen. Jahrelang scheiterte es zwar nie an der Fantasie, doch am Handwerk des Schreibens und meine Elaborate waren ziemlich grässlich zu lesen. Zum Schreiben gehört eben mehr als bloß eine gute Idee, sie muss auch richtig umgesetzt werden. Daher bedeutete meine Arbeit als Autor für mich, den Leser mit einer spannenden Erzählung, interessanten Charakteren und einer originellen Handlung mit abwechslungsreichen Wendungen zu unterhalten. Ich möchte den Leser in den Bann der Erzählung ziehen. Meiner Meinung nach genügt es nicht, dass Literatur stilistisch gut geschrieben ist, sie muss auch zupacken! Ein hochgestecktes Ziel, ich weiß, aber ich gebe mir Mühe.
Michael Borlik: Gab es Vorbilder, die dich in deinem Schreiben beeinflusst haben?
Andreas Gruber: Gab es, und gibt es nach wie vor! Den Amerikaner Dennis Lehane finde ich als den großartigsten Thrillerautor, den ich je gelesen habe. Seine fünf Patrick Kenzie und Angela Gennaro Romane sind Weltklasse. Das ist professionelles Geschichtenerzählen in Reinkultur, kann ich nur jedem empfehlen, der sich für Krimis interessiert. Die Art wie Lehane einen Plot aufbaut, seine Figuren charakterisiert und Dialoge schreibt, würde ich gern selbst beherrschen ... ich arbeite die nächsten zwanzig Jahre daran, ha, ha! Was die Sciencefiction betrifft, bin ich nach wie vor ein Fan der Mark-Brandis-Reihe, was wohl daran liegt, dass ich nicht auf Cyberspace sondern auf handfeste Raumschiff-Konvois stehe, die á la Nostromo durchs All dröhnen. Der leider 2000 verstorbene Nikolai von Michalewsky zählte zu meinen Lieblingsautoren. Ansonsten haben mich die Novellen von Joe R. Lansdale und David Morrell inspiriert, und komischer Weise stelle ich immer wieder fest, dass mich Kinofilme in meinem Schreiben beeinflussen. Ich selbst bemerke das zunächst gar nicht, doch Leser kommen auf mich zu und erzählen mir, so etwas Ähnliches hätten sie in Ridley Scotts "Alien" gesehen, in David Finchers "Fight Club" oder in Christopher Nolans "Memento". Ja, stimmt, dämmert er mir dann. Dinge, die mich schwer beeindrucken, schlummern in meinem Unterbewusstsein und kriechen dann in neuer Kombination zu Tage. Letzten Endes ist jedes Schreiben nur eine Summe aus allem bisher Gesehenem, Gelesenem und Erlebtem. Eine Ausnahme stellt vielleicht Michael Marrak dar: Ihm sprudeln völlig neuartige und absurde Ideen aus der Feder. Ich frage mich, wie er das anstellt? Damit sind wir auch schon im deutschsprachigen Raum angelangt, wo mich Malte Sembtens wortgewaltige Bilder, Boris Kochs kranke Fantasie und Michael Siefeners düstere Schilderungen faszinieren. Auch diese Autoren zählen zu meinen Vorbildern.
Michael Borlik: Erzähle uns doch bitte von deinem neuesten Buch! Einem Mystery-Thriller, der unter dem Titel "Jakob Rubinstein" im Basilisk Verlag erschienen ist.
Andreas Gruber: Die Idee, einen Charakter wie Jakob Rubinstein zu kreieren, ist schon älter als die Stories aus meinem ersten Buch "Der fünfte Erzengel", doch bin ich erst letztes Jahr dazu gekommen, die Geschichten zu schreiben. Jakob Rubinstein ist ein jiddischer Privatdetektiv, der in der Wiener Innenstadt seine Detektei führt. Er ist übergewichtig, fährt einen klapperigen Buick und ist ständig im Streit mit seiner Schwester, die ihn zum Judentum bekehren möchte, mit dem er aber nichts am Hut hat. In diesem Episodenroman löst er fünf Kriminalfälle. Ich habe das Manuskript mit 180 Buchseiten Patrick Grieser vom Basilisk Verlag angeboten, und er hat mir prompt ein tolles Angebot gemacht: ein Hardcover mit Schutzumschlag und Farbcover von Adrian Maleska mit fünf Innenillustrationen zu jedem Fall ... und das, wie ich meine, zu einem günstigen Ladenpreis.
Michael Borlik: Einer der "Protagonisten", ein fauler Kater, trägt den Namen Dr. Watson. Es gibt wohl kaum einen Krimi-Freund, dem diese Romanfigur von Sir Arthur Conan Doyle nicht vertraut wäre. Wie steht es um die Hauptfigur deiner Erzählung, den Detektiv Jakob Rubinstein, ist er eine Art Sherlock Holmes?
Andreas Gruber: Ganz im Gegenteil. Das Reizvolle an dem Charakter war, dass Rubinstein seine Fälle nicht mit brillanter Logik wie Holmes löst, sondern in zahlreiche Fettnäpfchen tritt und in verzwickte Verwechslungssituationen stolpert. Oft zwingen ihn die peinlichen Umstände, sich zu verkleiden und in fremde Rollen zu schlüpfen. So schlittert er in die merkwürdigsten Situationen und setzt die Lösung der Fälle wie ein Puzzle Stück für Stück zusammen.
Michael Borlik: Welche Art von Fälle hat der Detektiv Jakob Rubinstein zu lösen? Und gibt es weitere Gehilfen, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen?
Andreas Gruber: Den Kater Dr. Watson hast du ja bereits erwähnt. Dann gibt es noch seine Sekretärin Rita Biedermann, mit der er auf Kriegsfuß steht, seine Schwester Rachel, die auch nicht gerade gut auf ihn zu sprechen ist, und zuletzt noch Nicolas Gazetti, eine witzige Figur, die das Pendant zu Rubinstein darstellt: ein schlaksiger Kolumnist aus der High Society, der homosexuell ist und die Starallüren einer Diva an den Tag legt. In den fünf Fällen wird das bunt zusammengewürfelte Team in Lügen, Intrigen und unheimliche Verschwörungen verwickelt ... vor dem Hintergrund der düsteren Gassen Wiens. Geheimnisse werden vom Innenministerium vertuscht, Menschen verschwinden spurlos, Konzerne führen inoffizielle Experimente durch, und mein furchtloses Protagonisten-Grüppchen nimmt es mit Psychiatern, Wissenschaftlern, der Ärzte-Lobby, der Wiener Polizei und den Regierungsbeamten des Innenministeriums auf. Eine kleine Prise Sciencefiction und eine große Portion Humor runden das Buch ab.
Michael Borlik: Wird es weitere Geschichten über den Wiener Detektiv geben? Hast du schon Pläne?
Andreas Gruber: Rubinstein-Kurzgeschichten definitiv nicht mehr, aber ich habe die Idee eines abendfüllenden Romans rund um meine Protagonisten Jakob Rubinstein und Nicolas Gazetti, doch zuvor sind erst mal andere Projekte an der Reihe, die mittlerweile in greifbare Nähe gerückt sind.
Michael Borlik: Beabsichtigst du weitere Romane im Krimi-Genre anzusiedeln oder schwebt dir für dein nächstes Buch ein völlig anderes Genre vor?
Andreas Gruber: Der Roman, an dem ich zur Zeit arbeite, spielt tatsächlich im Krimi-Milieu. Es ist eine düstere Story, die damit beginnt, dass ein Kripo-Ermittlerteam in einem winzigen österreichischen Dorf den Mord eines vermeintlichen Serienkillers zu lösen hat. Doch schon bald schleichen sich unheimliche Vorfälle in die Handlung. Der Roman trägt den Titel "Der Judas-Schrein" und erscheint 2004 als Hardcover in der Lovecraft-Reihe im Festa Verlag.
Michael Borlik: Welche Tipps würdest du anderen geben, die gerne Autor werden wollen?
Andreas Gruber: Wenn ich Schreib-Workshops halte, veranstalte ich zu Beginn der ersten Stunde immer eine Fragerunde. Dabei tauchen stets die gleichen Fragen auf, mit denen sich angehende Autoren beschäftigen. Wenn man so will, lautet die komprimierte Antwort darauf: Lest die Schreibbücher "Stilkunst" von Ludwig Reiners und "Deutsch fürs Leben" von Wolf Schneider, überarbeitet eure Texte immer wieder, gebt sie nicht der Mizzi-Tante und dem Peppi-Onkel zu lesen, sondern den kritischsten Lesern, die ihr finden könnt, hört auf die Meinung eurer Testleser, denn sie haben immer Recht, besucht Schreibgruppen und sucht den Kontakt zu anderen Autoren, motiviert euch täglich ein paar Seiten zu schreiben und wartet nicht darauf, bis euch die Muse küsst, denn das passiert bloß einmal im Jahr und ausgerechnet dann habt ihr keine Zeit zum Schreiben, verfasst spannende Texte für eure Leser und keinen autobiografischen Experimental-Selbstverarbeitungs-Schmus, der in euren Schubladen verstaubt, beginnt mit Kurzgeschichten zu üben und versucht nicht gleich den 700 Seiten Bestsellerroman für Heyne zu tippen, quält keine Literaturagenten, wenn ihr selbst noch keinen Verlag gefunden habt, lasst die Finger von Druckkostenzuschuss-Verlagen, die euch bloß das Geld aus der Tasche ziehen, bietet eure Manuskripte immer wieder Magazinen oder Kleinverlagen an, nehmt euch nicht das Leben, wenn ihr eine Absage erhaltet und fangt um Himmels willen nicht mit Rezensenten zu diskutieren an ... uff, habe ich etwas vergessen? Ach ja, gebt nicht auf, wenn ihr den Traum von der Schriftstellerei habt und denkt immer daran: Auch der Buchhandlungsgehilfe Hermann Hesse hat mit einer Kleinauflage von 54 Exemplaren angefangen!
Michael Borlik: Welche Bücher liest du selbst gerne?
Andreas Gruber: Ab und zu ein Sachbuch, wobei mich zuletzt "Der Baader-Meinhof-Komplex" von Stefan Aust und "Die Seele des Mörders" von John Douglas ziemlich beschäftigt und die Pathologiebücher von Hans Bankl amüsiert haben. Was Actionromane betrifft sind wohl Jon Land und Matt Reilly unschlagbar, Sciencefiction mag ich am liebsten von Ben Bova, William Tenn und Robert Sheckley, und wenn ich mich abends alleine im Haus beim Kaminfeuer vor Angst ordentlich in die Hosen machen möchte, greife ich zu einem Buch von Jean-Christophe Grangé, Joe R. Lansdale, Shaun Hutson oder Richard Laymon ... denn das funktioniert immer! Ansonsten bin ich ein Fan von Horror-Kurzgeschichten, die ich liebend gern verschlinge, und ich arbeite seit Jahrzehnten daran, mir eine größere Horror-Anthologie-Sammlung aufzubauen als jene legendäre Kollektion von Roald Dahl.
Michael Borlik: Lieber Andreas, vielen Dank für dieses Interview. Ich wünsche dir auch weiterhin viel Erfolg bei deinem Schreiben!