April 2003


© Kai Meyer


Interview mit dem Autor Kai Meyer für Maerchen & Fantasie von Michael Borlik.


Interview:

Michael Borlik: Lieber Herr Meyer, Sie haben sich als Autor bereits in unterschiedlichen Bereichen der Literatur einen Namen gemacht. Sie schreiben für junge Leser wie auch für Erwachsene. Ihr Name ist ein Garant für Spannung und Unterhaltung. Haben Sie am Anfang Ihrer Autorenkarriere an einen solchen Erfolg geglaubt? Was bedeutet er Ihnen?

Kai Meyer: Niemand glaubt zu Beginn wirklich und bedingungslos an einen Erfolg. Manch einer mag darauf spekulieren, und wir alle haben natürlich irgendwann mal darauf gehofft. Aber Erfolg läßt sich nicht wirklich planen, jedenfalls nicht, wenn man seinen Themen und Interessen treu bleiben will. Was mir persönlich der Erfolg bedeutet? Natürlich ist es toll, vom Geschichtenerzählen leben zu können, ohne Eingeständnisse machen zu müssen oder sich nach neuen Aufträgen umschauen zu müssen. Bei mir läuft das jetzt seit Jahren von selbst, und das macht es einfacher, sich auf das zu konzentrieren, worauf es tatsächlich ankommt: aufs Schreiben. Zudem stärkt Erfolg das Selbstbewußtsein - und jeder professionelle Autor weiß, dass man davon mit der Zeit eine ganze Menge braucht. Sei es im Umgang mit Verlagen oder einfach nur der eigenen Disziplin.

Michael Borlik: Die "Merle - Trilogie" zählt zu den erfolgreichsten Jugendbüchern der letzten Zeit. Die Bücher sind märchenhaft geschrieben und stecken voller Fantasy. Andererseits haben Sie Romane wie "Das Haus des Daedalus" geschrieben. Ein dunkler Mystery-Thriller. Welche Romangattung liegt Ihnen persönlich mehr?

Kai Meyer: Nach außen hin liegen solche Bücher weit auseinander, aber für mich persönlich ist die Distanz gar nicht so groß. Beides kommt ja aus demselben Kopf, aus denselben Ideen. Das eine schreibe ich eben in jenem Jahr, das andere im nächsten. Es ist schwer, das wirklich zu analysieren oder zu erklären. Ich habe zum Beispiel sofort im Anschluß an die Merle-Trilogie "Das Zweite Gesicht" geschrieben, eine vollkommen andere Art von Roman, sehr viel erwachsener und dunkler. Und gleich danach habe ich mit einer neuen Trilogie im Stil der Merle-Geschichten begonnen. Für mich ist der Übergang fließend, und ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass den meisten Lesern, denen das eine gefällt, auch das andere gefallen müsste.
Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, was mir "mehr liegt" ... Ich würde nicht beides schreiben, würde ich nicht annehmen, dass mir nicht auch beides liegt. Ich bin ja kein Auftragsautor, der nach Verlagsideen oder -vorgaben schreibt. Ich mache genau das, worauf ich gerade Lust habe. Die größte Herausforderung ist dabei eigentlich, diesen Spaß an einem Thema über Monate hinweg aufrecht zu erhalten. Aber meistens klappt das ganz gut.

Michael Borlik: In "Der Rattenzauber", einem phantastisch-historischen Roman, greifen Sie die Legende um den Rattenfänger von Hameln auf und zeichnen ein düsteres, mittelalterliches Bild der Stadt. Wie sind Sie dazu gekommen? Ergab sich dieses Bild aus Ihren Recherchen oder ist es eine Fiction, die besser in das Gesamtkonzept Ihrer Erzählung passte?

Kai Meyer: Das Bild der Stadt, diese verregnete, schlammige Baustelle, kam direkt aus meinen Recherchen. Ich habe das Ganze dann nur ein wenig überhöht, damit es einen einheitlicheren Hintergrund abgibt. Abgesehen davon: Kaum jemandem ist aufgefallen, dass "Der Rattenzauber" im Grunde ein Italo-Western im Mittelalter ist. Und wer sich den allerersten "Django"-Film anschaut, wird auch dort eine Stadt finden, die im Morast versinkt...

Michael Borlik: Die "Sieben Siegel" sind eine spannende Gruselreihe, die im Loewe Verlag erscheint. Der neue Band "Mondwanderer" ist dieses Jahr herausgekommen. Wie sehen Ihre zukünftigen Ziele fürs diese Buchreihe aus?

Kai Meyer: Die "Sieben Siegel" laufen mit dem zehnten Band vorerst aus. Allerdings erscheinen gerade die ersten fünf Hörspiele, die auf den Büchern basieren, und falls diese ein Erfolg werden, kann es durchaus sein, dass die Reihe über Band 10 hinausgeht - vielleicht nur im Hörspiel, vielleicht auch als Buch.

Michael Borlik: Unter dem Titel "School`s out" sind zwei Horrorfilme als Doppel-DVD erschienen, für die Sie die Drehbücher geschrieben haben. Gibt es Pläne für weitere Drehbücher bzw. stehen Verfilmungen Ihrer Bücher an?

Kai Meyer: Dominik Graf arbeitet an einem Treatment zu "Das Gelübde". Die Bavaria hat den Roman für ihn optioniert. Ansonsten gibt es vorsichtige Pläne, aus "Loreley" sowohl einen Film, wie auch ein Musical zu machen. Original-Drehbücher habe ich vorerst aufgegeben - das kostet zu viele Nerven und man schreibt unendlich viel Material für den Papierkorb irgendwelcher Produzenten, auch wenn diese ganzen Film-Sachen sehr gut bezahlt werden. Aber nach ein paar wenig erbaulichen Erfahrungen habe ich es erst einmal satt, Stoffe zu entwickeln, die dann in den Schubladen anderer Leute verschimmeln, egal, ob sie dafür nun bezahlt haben oder nicht. Wie gesagt, ich sehe mich nicht als ein Auftragsschreiber. Und das Drehbuch ist eben oftmals die Hure der Literatur.

Michael Borlik: Viele Autoren träumen von einer Karriere wie der Ihren. Gab es in Ihrer Anfangszeit Autoren, die Ihr Schreiben beeinflusst haben?

Kai Meyer: Mit dreizehn, vierzehn sicher Wolfgang Hohlbein. Später dann hauptsächlich Comic-Autoren wie Neil Gaiman und Alan Moore. Heute Mircea Eliade, nicht stilistisch, eher in der Herangehensweise. Aber echte Vorbilder im Sinne von Idolen habe ich eigentlich nie gehabt. "Der Herr der Ringe" ist und bleibt eines meiner Lieblingsbücher, aber Tolkien ist deshalb nicht mein Vorbild.

Michael Borlik: Nun haben Sie bereits in vielen, unterschiedlichen Genres veröffentlicht. Gibt es dennoch ein Genre, für das Sie noch nicht geschrieben haben, es jedoch einmal gerne tun würden?

Kai Meyer: Die Geschichte, an der ich derzeit arbeite, ist - bei allem phantastischen Kontext - schon ein Traumthema. Und mit "Das Zweite Gesicht" habe ich mir den Wunsch erfüllt, eine Geschichte im Umfeld der Stummfilm-Industrie und der deutschen Phantastik der 20er Jahre anzusiedeln. Aber ein komplett neues Genre? Nein, ich glaube nicht. Meine Romane sind meist ohnehin sehr Genre-übergreifend und lassen sich bis auf ein paar Ausnahmen sehr schwer auf eine Kategorie festnageln. Ich meine, was ist "Göttin der Wüste"? Oder "Die Alchimistin"? Abenteuer, Horror, Thriller? Keine Ahnung. Mir ist da nach wie vor das Label "Magischer Realismus" am liebsten.

Michael Borlik: Wenn Sie einmal die Gelegenheit zum Lesen finden, zu welchen Autoren greifen Sie persönlich? Haben Sie Lieblingsbücher?

Kai Meyer: Wie gesagt, "Der Herr der Ringe", obwohl ich ihn jetzt gerade zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren wieder angelesen habe. "Walpurgisnacht" von Gustav Meyrink, mehr noch als sein "Golem". Dann auf jeden Fall "Auf der Mantuleasa-Straße" von Mircea Eliade. "Der Goldene Kompaß" von Philip Pullman, obwohl ich den zweiten und dritten Band der Trilogie nicht mochte. "Sandman" von Neil Gaiman. "Mythago Wood" und "Lavondyss" von Robert Holdstock. Die "Starchild"-Comics von James A. Owen. Vermutlich noch ein Haufen mehr, wenn ich mich im Augenblick daran erinnern könnte.

Michael Borlik: Sicherlich eine Frage, die viele unserer Leser interessieren dürfte. Verraten Sie uns etwas über den Roman, an dem Sie gerade arbeiten?

Kai Meyer: Eine neue Trilogie für den Loewe-Verlag, ein wenig im Stil der Merle-Bücher und doch ganz anders. Schon der Schauplatz und das Umfeld unterscheiden sich völlig. Der erste Band erscheint im Juli 2003, die beiden anderen folgen in halbjährlichen Abständen.

Michael Borlik: Wie sehen Ihre weiteren Romanprojekte aus? Werden Sie verstärkt Jugendromane oder für ein älteres Lesepublikum schreiben? Werden wir zukünftig weitere Romane im Stil der Merle-Trilogie unter Ihren Veröffentlichungen finden? Gerade in Hinblick auf die Beliebtheit dieser Buchreihe.

Kai Meyer: Ich werde weiterhin beides machen, obwohl - wie gesagt - für mich selbst der Unterschied kaum existiert. Ich erzähle eben, das ist alles.

Michael Borlik: Gibt es noch etwas, dass Sie Ihren Fans schon immer einmal sagen wollten?

Kai Meyer: Vielleicht, dass ich es beachtlich finde, wie sehr mir die meisten bei allen Genre-Sprüngen und thematischen Eskapaden treu geblieben sind. Es ist schon ziemlich toll, zu wissen, dass auch dann eine Menge Leute mein neues Buch kaufen würden, wenn es darin um ... hm, sagen wir Rinderfarmer in der Mongolei gehen würde. Oder um Perlentaucher. Oder eben um den Aufstieg und Fall einer Stummfilm-Diva. Das ist ein riesengroßer Grund, um dankbar zu sein.

Michael Borlik: Ich bedanke mich für dieses Interview und wünsche Ihnen auch weiterhin viel Erfolg bei Ihrem Schreiben!